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Spotlight und das hohe Lied auf klassische Medien

Schon letzte Woche habe ich in einer Vorschau den amerikanischen Film „Spotlight“, der jetzt – zu recht – mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet worden ist, in einem Berliner Kino gesehen. Und ich bin sehr begeistert und bewegt aus dem Film herausgegangen. Besonders hat mich „Spotlight“ an meiner eigenen Zunft zweifeln lassen – ich hatte richtiggehend Sehnsucht nach den „alten Zeiten“.

Was hat Spotlight mit dem Bloggen zu tun?

Ich glaube, es war 2006, als ich meinen ersten Blog eröffnet habe – es sollte DER Medienblog werden. Das Konzept war gut, aber … Nun, jedenfalls bin ich seit 10 Jahren in Sachen Blogs unterwegs und habe auch viel hinter den Kulissen getan, um das „Bloggen“ nach vorne zu bringen – jenen Bürgerjournalismus, der im Idealfall jeden interessierten Menschen die Möglichkeit gibt, seine Meinung einem größeren Publikum zu präsentieren. Die Idee war, durch einfach technische Umgebungen es jederfrau zu ermöglichen, Inhalte im Internet zu veröffentlichen.

Seit 2007 kommt Social Media hinzu – hier im besonderen Fall Facebook, die Social Plattform mit den meisten Usern weltweit. Und wenn man mal genau hinschaut, ist das mit dem Bürgerjournalismus weit gediehen. Immer wieder hört man von viralen Erfolgen einzelner Unbekannter, die das Netz an die Aufmerksamsküste schwemmt.

Die Geschichte von „Spotlight“ spielt in der Zeit davor – ein Kirchenskandal aus dem Jahre 2001, den der Boston Globe aufgedeckt hat. In dieser Zeit wusste noch niemand etwas von Social Media und Blogs waren ein Insider Ding. Die Kommunikationskraft lag noch in den Händen der großen Massenmedien. Diese hatten damit auch das Informationsmonopol inne. Etwas, gegen das die „Bloggerbewegung“ massiv angegangen ist. Zu recht?

Spotlight ist in einer Blogger Welt nicht denkbar

„Spotlight selber ist nun eine Abteilung innerhalb des Boston Globe, die nur dafür da ist, um langfristige Recherchen anzustellen. Wenn dann eine Geschichte daraus wird, wird diese veröffentlicht. Das kann aber auch manchmal Monate dauern.

So ein Verfahren ist in der Bloggerwelt undenkbar. Wenn überhaupt recherchiert wird, muss möglichst schnell ein Inhalt generiert werden, der sich im Idealfall vermarkten lässt. So spriessen all diese Blogs aus der Erde, die vor allen Dingen eins tun: Die eigene Person promoten und das möglichst gleich auch vermarktbar. Natürlich, es gibt netzpolitik.org und viele andere ambitionierte Blogs, aber auch die müssen Miete bezahlen und relativ kurzfristig Umsätze generieren. Langfristige Recherche kann schlicht und einfach nicht mehr so finanziert werden, wie das zu Zeiten von Spotlight möglich war.

Was macht klassische Medien aus?

Jenseits von Vermarktungsansätzen, die in klassischen Medien meist nur auf Reichweite basieren, machte die Hoch Zeit der klassischen Medien besonders das Informationsmonopol aus. Sprich, es gab nur Konkurrenz innerhalb der eigenen Kaste und nicht außerhalb. Also konnten Themen wesentlich eindrücklicher gesetzt werden, einfach weil die Konkurrenz nicht so groß war und der Konsument auf die klassischen Medien angewiesen war. Das war zuweilen grausam und man hat sich den aktuellen Zustand schier herbeigesehnt. Nur, im aktuellen Zustand ist es fast unmöglich geworden, Themen zu setzen und damit auch Aktionen in Gang zu setzen – im Beispiel von Spotlight wurde kräftig im amerikanischen, katholischen Klerus mit der systematischen Verschleierung von Kindesmissbrauch aufgeräumt.

Und das Fazit?

Ich mag Bürgerjournalismus. Ich mag aber auch gut recherchierte News. Und ich mag die Idee, dass gute Journalisten etwas bewegen können – mit der ganzen Medienmacht, die Ihnen zur Verfügung steht. Ich mag auch die sogenannte Informationsgesellschaft, aber ich sehe auch, dass wir an Grenzen stoßen, was die Flut an Informationen angeht – oder erinnern Sie sich noch wirklich an „Je suis Charly“ …?

Es wäre toll, wenn es gelänge, eine Mischform zu finden, die die guten Seiten der klassischen Medien, wie zum Beispiel eine intensive, zeitunabhängige Recherche, und die nicht mehr wegzudenkenden Vorteile des Bürgerjournalismus, wie die Möglichkeit aller, die Öffentlichkeit zu finden, die sie brauchen, miteinander zu verbinden. Wie das aussehen kann, weiss ich nicht wirklich – lassen Sie es uns erfinden! (Zum Beispiel in den Kommentaren!)

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